Virtuelles Wasser, durstige Lebensmittel

Beginnen wir bei dem Begriff des Virtuellen selbst. Das Adjektiv „virtuell“ beschreibt laut Duden etwas, das „nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend“ ist. Mit der voranschreitenden Digitalisierung gestaltet sich vieles in unserem alltäglichen Leben zunehmend virtuell. So werden z.B. gerade jetzt, im Zuge der Corona-Kontaktbeschränkungen, viele Messen und andere öffentliche Events virtuell veranstaltet. Weil das Virus im virtuellen Raum erfreulicherweise vollkommen unansteckend ist.

Was aber ist virtuelles Wasser? Oder genauer: Was macht das Wasser zu etwas Virtuellem? Stellen wir uns eine Flasche Orangenlimonade vor. Neben kleinen Mengen Orangen- und Zitronensaft, etwas Zucker und beigefügter Kohlensäure enthält diese vor allem: viel Wasser – etwa 900 ml einer 1-Liter-Limoflasche entfallen auf unser wichtigstes Lebensmittel. Das Getränk besteht also zum Großteil aus „realem“ Wasser. Wenn wir von der Limonade trinken, dann gelangt dieses Wasser auch tatsächlich in unseren Körper.

Wenn man nun „virtuell“ als das Gegenteil von „real“ definieret, dann müsste virtuelles Wasser derart existieren, dass wir es nicht sehen oder mit anderen Sinnen wahrnehmen können und dass es auch nicht wirklich in unseren Körper gelangt, wenn wir es in einem Lebensmittel zu uns nehmen. Wie aber kann so etwas möglich sein?

Stell dir dazu ein anderes Getränk vor – eine Tasse Kaffee. Von den 125 ml, die du zum Frühstück im Büro trinkst, entfällt der größte Teil auf reines Trinkwasser. Sehr real! Kaum hast du die Tasse ausgetrunken, kommt schon jemand mit einer dicken Hornbrille aus dem Büro nebenan um die Ecke und sagt: „Guten Morgen lieber Nachbar, weißt du eigentlich, dass du da gerade 140 Liter Wasser konsumiert hast? Das ist ein ganz schön unnachhaltiges Frühstück, denk doch mal an deine Kinder und Enkelkinder und an das Artensterben und und und!“ Der ist heute aber ganz schön vorwurfsvoll, denkst du dir. Und: Der spinnt.

Aber nein – er spinnt nicht und das Leitungswasser bei ihm zuhause hat er natürlich schon testen lassen – alles sauber. Er denkt Wasser nur anders als du und die meisten Menschen. Er denkt Wasser virtuell.

Wer wie dein Bio-Nachbar Wasser bzw. Wasserverbrauch virtuell betrachtet, der berücksichtigt nicht allein den in einem Lebensmittel zum Zeitpunkt des Konsums tatsächlich vorhandenen Wassergehalt. Vielmehr begreift er das jeweilige Lebensmittel als Endprodukt einer oftmals langen Wertschöpfungskette. Entlang der Wertschöpfungskette eines bestimmten Produktes wird meistens viel Wasser verbraucht, von dem wir am Ende meist gar nichts oder nur einen Bruchteil konsumieren. Befanden sich in deinen 125 ml Frühstückskaffee z.B. 100 ml „reelles“ Wasser, dann entspricht diese Menge lediglich 0,07 Prozent des virtuellen Wasserverbrauchs von 140.000 ml, der entlang der Wertschöpfungskette angefallen ist, begonnen beim Pflanzen und bei der Pflege des Kaffeebaums über die Ernte, die Lagerung, das Verpacken, den Transport… Weil all das Spuren in unserem Ökosystem hinterlässt, sprechen wir auch vom sogenannten Wasserfußabdruck.

Wenn wir Gebrauch von der Theorie des virtuellen Wassers bzw. des Wasserfußabdrucks machen, dann stellen wir fest, dass nicht nur die Menschen, Tiere und Pflanzen auf unserem Planeten durstig sind und zu ihrer Existenz eine Menge Wasser benötigen. Auch all die scheinbar leblosen Gegenstände, die wir erschaffen, die wir produzieren, (ver)brauchen Wasser!

Hierbei können wir zwischen unterschiedlich durstigen Gütern differenzieren. Die Tasse Kaffee mit 125ml Füllmenge ist mit 140 Litern virtuellem Wasserverbrauch deutlich durstiger als der 250ml fassende Tee-Pott mit „nur“ 27 Litern. Würden wir einen Kaffee in Tee-Pott-Größe trinken, so würden wir schnell feststellen, dass sich die Wertschöpfungskette des Kaffees in etwa zehnmal so wasserintensiv gestaltet wie die des Tees. Eine durchschnittliche Einwohnerin von Paris (Kaffee, so schwarz wie möglich) belastet also durch die Wahl ihres morgendlichen Heißgetränks den Wasserhaushalt unserer Erde weitaus mehr als eine durchschnittliche Ostfriesin (Ostfriesentee, immer) – zumindest solange die Ostfriesin ihren Ostfriesentee ohne Milch trinkt, was zugegebenermaßen selten vorkommt, aber das ist eine andere Geschichte. Interessant ist allerdings, dass die Tasse Kaffee mehr virtuelles Wasser verbraucht als eine durchschnittliche Person in Deutschland pro Tag für Kochen, Trinken, Waschen, Spülen und Körperpflege (123 Liter reelles Wasser, Stand 2017). Letzterer Zahl stehen täglich etwa 4000 Liter virtueller Wasserverbrauch pro Kopf (!) gegenüber.

Bei den beliebtesten Gemüsesorten kommen z.B. Tomaten (214 l/kg) und Kartoffeln (287 l/kg) relativ wasserschonend zu uns auf den Tisch. Richtig durstig hingegen ist die Avocado mit annähernd 1000 Litern pro Kilogramm. Beim Gemüse zeigen sich zudem gravierende Unterschiede abhängig von der Anbauregion: Der virtuelle Wasserverbrauch von Kartoffeln aus Deutschland ist mit nur 119 l/kg nicht halb so groß wie der weltweite Durchschnittswert und vor allem entschieden geringer als jener von Kartoffeln aus Ägypten (428 l/kg). Hier zeigt sich die Bedeutung regionaler Landwirtschaft aus einer neuen Perspektive. Damit einher geht auch der saisonale Faktor: Wenn wir z.B. wissen, dass Obst- und Gemüseanbau in vielen südlichen Ländern deutlich wasserintensiver stattfinden als hierzulande – wieso essen die Menschen in Deutschland dann im tiefsten Winter Buschbohnen aus Kenia oder Erdbeeren aus Marokko?

Das bekannteste Beispiel für einen exorbitant hohen Wasserfußabdruck ist – und vielleicht hast du davon auch schon einmal gehört: Fleisch. Insbesondere Rindfleisch, denn hier entfallen durchschnittlich rund 15.000 Liter virtuelles Wasser auf eine Kilogramm. Allein für den Beef-Patty in einem Hamburger macht das etwa 3000 Liter. Das liegt nicht vorrangig daran, dass ein Rind täglich etwa 80 Liter Wasser trinkt, sondern vor allem an den verwendeten Futtermitteln. Weltweit viel zu niedrige Fleischpreise bzw. eine geringe Zahlungsbereitschaft seitens der Verbraucher führen dazu, dass die meisten Landwirte ihre Tiere nicht auf die grüne Weide stellen und saftiges Gras fressen lassen, bis die Zeit zum Schlachten gekommen ist, sondern sie im Rahmen der Massentierhaltung mit Unmengen Kraftfutter (z.B. Mais, Soja) so schnell wie möglich schlachtreif mästen. Vom weltweiten Sojaanbau z.B. werden 70 Prozent allein zu diesem Zweck verwendet. Dabei beeinflussen die Verwendung von Grund- und Flusswasser zur Bewässerung der Futterflanzen, der intensive Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln sowie die Rodung von Wäldern den Wasserhaushalt der Anbauländer, z.B. in Südamerika oder China, entschieden negativ. So stehen letztendlich 15.000 Liter für ein Kilogramm Rind, 6.000 Liter sind es beim Schwein und 4.000 Liter beim Huhn. Diese Zahlen liefern starke Argumente für einen deutlich geringeren Fleischkonsum in unserer Gesellschaft – und wenn Fleisch, dann aus heimischer und artgerechter Bio-Tierhaltung!